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Eine Begegnung

Dieser Eintrag stammt von Norbert Schmitt Am 30.8.2007 @ 21:33 In EPISCHE eSSAYS; sHORTsTORIES & EINfachHEITen | Keine Kommentare

Samstagabend fand, wie fast jede Woche, eine Cocktailparty bei Monsieur Eichel statt.
Die Eichels luden immer gerne ihre Freunde, Bekannten und Geschäftsfreunde in ihrenweiträumigen weissen Bungalow im Bauhaus-Stil mit schön gelegener und weit ausladender Terasse ein.

An diesem Samstag war Markus Trolley zugegen. Er hatte ein sehr eigentümliches Wesen. Sagen wir, er hatte ein introvertiertes, fast statisch erscheinendes, Gesicht, wobei gesagt werden muss, dass seine Introspektion eher doch nur auf sein äusseres Erscheinungsbild sich bezog.

Markus Trolley war ein bekannter und reger Vetreter der Kunst des Handels, er liebte es zu verkaufen. Am allerliebsten verkaufte er sich selbst und seine Masken, von denen er nicht einmal wusste sie zu besitzen. Er hielt sich nämlich für überaus offenherzig und zugänglich.

In der Gesellschaft, in der er sich nun befand, die Macht & Ohnmacht GmbH und Co Kg, hatte er auch allen Grund dazu, denn die Geschäftswelt lag ihm zu Füssen.
Was er tatsächlich verkaufte tut hier und für uns nichts zur Sache, denn es war nicht nur ihm vollkommen egal, sondern auch seinen Gratulanten. Roch es wohl nach Natursekt und Kaviar, war doch allen klar, er konnte sich vieles und Was leisten. Ähnlich wie Ludwig dem XIv oder XVI, der den Tannenbaum und die Lotterie erfand, letzteres mit Hilfe Voltaires, um die Kassen zu füllen, - war ihm jedes Mittel recht.

Seine Gastgeber, z.B., machten ihr Geld dadurch, dass sie ständig, in ganz Europa, Luxushotels und Ähnliches aufbauten mit Kompagnions und deren Geldern.
Diese Gesellschafter wurden regelmässig nach der Errichtung und dem Anlaufen der Lokalitäten, entmachtet und den Banken zum Fraß vorgeworfen.
Natürlich wurde, wie es üblich ist, vorher alles bewegliche Kapital aus den Projekten auf Konten in Übersee verfrachtet und ein neues Projekt in einem anderen europäischen Land begonnen. Die Pressen waren immer heiss auf’s Fressen im Vorfeld der Eröffnung, denn man investierte viel in Annoncen und der gleichen. Im Nachhinein waren Berichte eher spärlich, wie man sich denken kann. Nun ja, Markus war hier zuhause, in dieser Welt. Der Herr jener Welt war ihm schon immer gleichgültig.

Einmal, vor Jahren, da war es anders. Damals traf er Anna…..
Sie sah heute genauso schön aus, wie in jenen Tagen und älter wurde sie wohl auch nicht. Anna, jene schöne Unnahbare, mittelgross, schwarzbehaart und eine Mischung aus Mädchenhafter Unschuld und weiser Einsicht. Ein unkundiger Betrachter möchte sie als naiv einzustufen versucht sein, jedoch war Anna eine Frau mit Tiefgang, Fundament und Brücken. Gegründet in Tiefen, die ihm ehemals als Untiefen erscheinen mussten…..und heute um so mehr.

Kaum dachte er an sie, wird er ihr hier gewahr, inmitten dieser edlen Pracht des postklerikalen Ruhmes. Wie sie dort drüben lasziv und gelangweilt an einem grünlich schimmernden Cocktail schlürft, mit ihren Lippen aus samtweichen tastorganartigen beweglichen Bögen aus sanfterem Fleische, als er es je gegessen hatte. Da hinten, am anderen Ende des Saales, umringt von Verehrern, die ihr, welche sich sichtlich gleichgültig der Gesellschaft gegenüber, die Gemälde an den Wänden hinter ihnen betrachtet, Hab und Gut zu Füssen legen würden.

Trolley kann nicht anders, nimmt sie ins Auge und pirscht sich wie ein Egel an sie heran, der ausgetrocknet und schwach, an frischem Blute sich ergetzen muss. Das Spiel der Gegensätze beginnt sich selbst, dynamisch angetrieben von einer stetigen Gefahr der Selbstrunkenheit. Anna bemerkt ihn aus den Augenwinkeln, jedoch verhält sie sich als bemerke sie absolut niemanden ausserhalb ihrer eigenen Gedanken. Markus weitet seinen Brustkorb und blickt sie aus Verlegenheit noch arroganter an, als er es ohnehin schon den ganzen abend übte, wobei ihm das Blut in mächtiger Aufwallung in sein Kleinhirn aufsteigt und eben dieses ihn des Wahr-Nehmens noch unfähiger macht, was tatsächlich noch möglich ist.

Anna präsentiert sich ihm weiterhin als unnahbar, tut unbedarft und beobachtet mit ihren wachen Augen, die, kühl und heiss zugleich, wie zufällig und doch bestimmt, zeitweise auf ihm ruhen. Welches Markus - sich immer mehr im luftleeren Raum ihrer Unerreichbarkeit fühlend, dazu veranlasst, den bedeutsamsten Blick aufzusetzen, den er je vor dem Rasierspiegel geübt hatte.

Die Sonderbare lässt nun einen raschen, leicht provokant wirkenden, Blick auf ihn fallen, spielt unbekümmert
mit ihren Fingern in der Luft und lässt die Atmosphäre, durch Unterlassen jeglicher Gesten, sich selbst entfalten und beobachtet wie der Geschäftsmann im eigenen Saft, der selbst erschaffenen drückenden Spannung, brütet. Sie geniesst Trolleys Sich-Selbst-Nicht-Ertragen-Können und wie er, sich nach Abkühlung sehnend, Standbein und Spielbein, hastig wechselt.

Sie denkt bei sich, so wie sie müsse sich *Wahnfried* gefühlt haben, wenn denn Gegenstände denken können.

“Hier, wo mein Wähnen Frieden fand” - das hatte sich Wagner auf sein Haus gemeisselt - es steht auch heute noch, dort, auf diesem selbsternannten Bayreuther Friedhof, der der Äusserlichkeit und Identifikation mit dem schönen Schein, den krönenden Gipfel aufpfropft. Nicht etwa mit Schönheit bekrönt, nein, gelabelte Wichtigkeit ohn’ inneren Halt. Unentwickeltes Gutes wird zur Fratze. Jede Zeit hat ihre Gegenwart…und…ist der Prozess des Schöpfens zuende….muss neu geschöpft werden. Ansonsten gibt es Erschöpfung..oder Verstopfung oder Diarhoe. Naja, wie dem auch sei, irgendwie als solch ein Wahnfried für Markus Trolley empfindet sie sich.
Als solch ein Identifikationsobjekt für seine Begier, seine Selbstüberschätzung. Er sucht wohl seinen Haltepunkt, wie so viele, am Schein der Vergangenheit….
Sinnierend sieht sie nun aus dem Fenster

Markus, schwitzend wie ein Ruderer, der um sein Leben gegen den Strom rudert, beobachtet ihre gedankenvolle Stirne, eilt zur Toilette, wirft sich zwei Hände voll Wasser ins Gesicht und sprintet danach zum Buffet. Dort angelangt, trinkt er hastig ein Glas Punch, schüttet gleich danach ein zweites in sich hinein, nimmt sich ein drittes und geht, verlangsamteren aber immer noch sehr gehetzten Schrittes, auf sie zu. Er hebt lässig den Blick und sucht den ihren, mit einem absichtsvoll erarbeiteten lockeren Grübchen auf der Stirne und legt los:
“Der Punsch ist wie der, den ich letzten Sommer auf meiner Yacht am Strande von Goya mit den wichtigsten Vertretern von ………” fängt er an zu fabulieren, bricht jedoch jäh ab als er ihr Augenpaar nicht findet, da sie ihm überhaupt nicht zu folgen scheint und es wohl auch nicht im weiteren Ablauf der Zeit vor zu haben scheint.

Markus’ Blick gleitet unwillkürlich nach unten, in eine ihm gar nicht gefallen wollende, demütige Position. Er findet sich vom Schicksal in eine Rolle hineinanövriert, die er so gar nicht mit sich in Einklang bringen kann. - Schicksal, pfui*, er hatte sich diesen Begriff doch abgewöhnt, denn die Idee, einmal Opfer seiner eigenen Taten zu werden, passte so gar nicht zu seinem Stehkragenhemd. Was ihm auch nicht passte*, waren ihre farbenfrohe Abendgarderobe und ihr leuchtend-dezentes Makeup. Intensive Farben liebt er nämlich gar nicht, kann sie nicht vertragen, denn Farben im allgemeinen fördern nicht gerade seine Verdauung.

Zu schlecht zu kontrollieren in der Wirkung auf sein Gemüt, denn Farb- und Formwirkungen sind von dem menschlichen Verstand, der bar der Vernunft, es nicht vermag diese mystische Wirkensweise zu dechiffrieren. Solcherlei in abstrakt-tote Begriffe zu vertüten und zu Label’n mit an Wichtigkeit grenzenden Unworten, vermögen wohl nur Leute vom Fache. Profis wie mancher Kunsterzieher oder -Kritiker.

Er holt zu einem erneuten Schlage aus - für ihn sind menschliche Beziehungen kein Miteinander- und brescht los:
“Meine Villa wird gerade renoviert, ich kann mir vorstellen sie würde Ihnen gefallen. Sie liegt nur 20 Minuten von hier”

Nun wächst Markus wieder innerlich, während er von den dortigen Verhältnissen erzählt und ist überzeugt davon, dass er
diesen widerborstigen schimmernd-zappelnden Fisch, der einer lieblichen Meerjungfrau gleicht, nun in seinem
weltmännischen Netze gefangen hat und richtet sein äusseres Erscheinungsbild auf, dem weiten Himmel entgegen.
Sagen wir, zumindest so weit, wie er sich die weite der Himmel vorzustellen in der Lage ist.

Während Anna dieses Wachstum belustigt beobachtet und ihn listig im Auge behält entgegnet sie ihm lapidar:
“Ich hatte schon so eine Ahnung….” und denkt sich, wenn Menschen so wie dieser, der Negrophilie der Begriffe anheimgefallene Fetischist des ‘TunAlsOb’, funktionierten…….und alles durch die Brille, ihrer einmal und nie wieder gefassten Vorstellungen sähen, dann wäre diese Welt wohl recht automatisch.

Spezies Mensch in festgesetzten erstarrten Gedankenstrukturen, die dann automatisch und unkontrolliert, ungeführt und
unreflektiert ablaufen wie ein Hollywoodstreifen…..oh jeh, wäre dem so, würde es ihr manches erklären….Blockbuster sollten Elektroschocker heissen….

Es wurde ihr fast schwindelig, jedoch sie abstrahiert weiter und entfernt sich immer weiter aus der Situation
in der Trolley noch immer verharrte und erstarrte.

Es würden wohl viele scheinbar logische Weltbilder von sogenannten Individuen eigentlich nur emotionsgesteuerte
Vorstellungen enthalten und unwillkürliche Verbindungen eben dieser……Keine Gedanken?!…….Sie ist entsetzt über ihren eigenen Einfall.
Diese Monstren mischen sich unter die übrigen…eventuell wahrhaften Gedanken? Was ist denn Denken überhaupt?
Und was ein wohlgeordnetes Weltbild?
Sie entschliesst sich in Zukunft ihr Denken zu beobachten, um dem ganzen auf den Grund zu gehen.

Markus erschrickt, als er plötzlich gewahr wird, dass Anna ihn aus ihrem Bewusstsein gebannt hat, wo er doch davon ausging, er habe die Fäden in der Hand. Sie hingegen bemerkt seine Verwunderung und gibt ihm zu verstehen, sie hätte noch einiges zu erledigen und werde sich nun verabschieden.
Markus Trolley darauf gönnerhaft: “Dann werde ich Sie mal Ihren Pflichten nachkommen lassen” und
bestellt eiligst ein Taxi……natürlich für sie und für sich.

Norbert Schmitt
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